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Das Ende der Spassgesellschaft
Das Ende der Spaßgesellschaft

Gastronomie muss umdenken

Die Diskussion um das vermeintliche Ende der sogenannten „Spaßgesellschaft“ hat sich seit den tragischen Ereignissen des 11. September 2001 beschleunigt. Fachleute vieler Couleur prophezeien ein Umdenken, eine Neuorientierung, einen Wertewandel in der Gesellschaft. Für die spaß- und erlebnisorientierte Gastronomiebranche sollte dies Anlass genug sein, alle Sinne zu schärfen. Denn bekanntlich gilt: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Und für die, die erst reagieren wenn die Alarmglocken laut schrillen, könnte es bald zu spät sein.

Das gilt vor allem in schwierigen Zeiten wie diesen. Eine lahmende Wirtschaft, die schwierige weltpolitische Lage, die Euro-Umstellung: Drei Faktoren, die der Gastronomie in der jüngeren Vergangenheit Probleme bereitet und den Optimismus genommen haben. Die Stimmung in der Bevölkerung ist schlecht, der Spaß an der Ausgehfreude getrübt. Das belegt auch der aktuelle Konjunkturbericht des DEHOGA. Demzufolge beklagen 51% der 2660 befragten Hoteliers und Gastronomen für den Zeitraum von Oktober 2001 bis März 2002 Umsatzrückgänge gegenüber dem gleichen Zeitraum zwölf Monate zuvor. Noch schlechter sieht es bei den Gewinnen aus. Hier dominiert die Verliererseite mit 58,3%. Hinzu kommt, dass nur 26,6% der Befragten einen Hoffnungsschimmer, sprich bessere Erlöse, am Horizont sehen, derweil 34,9% negative Umsatzprognosen abgeben.

Sind dies Zahlen die Vorläufer eines gesellschaftlichen Sinneswandels. Es wäre vermessen, dies zu behaupten, aber auch fahrlässig, es unerwähnt zu lassen.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Knapp ein Jahrzehnt Spaßgesellschaft haben ihre Spuren hinterlassen. Abnutzungserscheinungen machen sich breit, die durch das gegenwärtige wirtschaftliche und politische Umfeld beschleunigt werden. Der unbeschwerte Spaß einer Generation, die im Wohlstand aufgewachsen ist, Kriege nur vom Hörensagen kennt und Konsum als politische Einstellung definiert, könnte schneller enden, als mancher glauben möchte. Die Individualisierung der letzten Jahre, die Zersplitterung homogener Zielgruppen in eine nahezu unüberschaubare Zahl unterschiedlicher Lebensmaxime – insbesondere bei den Jugendlichen – steht vor einer Umkehr. Während in guten Zeiten jeder seinen eigenen Weg suchen und auch gehen konnte, steht man in schlechteren Zeiten gerne enger beieinander, bündelt Kräfte und Meinungen, um drohendes Unheil abzuwenden und gemeinsame Stärke zu beweisen. Ein bekanntes Phänomen.

Erste Veränderungen in den Medien

Die Oberflächlichkeit der letzten Dekade, die mehr auf Verpackung als auf Inhalte setzte, scheint zu bröckeln. Erkennbar wird dies unter anderem in und durch die Medien. „Big Brother“ ist tot, auch wenn über den Versuch einer Reanimation hier und da zu lesen ist. Und mit dem großen Bruder sind seine Protagonisten, seine Zlatkos und Alidas, von der Bildfläche verschwunden. An ihrer Stelle sorgt Günther Jauch mit seiner Wissensvermittlung via Frage- und Antwortspiel für Rekordeinschaltquoten. Für eine Rückbesinnung könnte auch der Erfolg der „80er-Jahre-Show“ sprechen, der Niedergang vormals beliebter und niveaulos gestrickter Comedy-Shows sowie die Erfolge politisch orientierter Talk-Runden Marke „Christiansen“, „Illner“ und „Böhme“. Der traditionsreiche „Tatort“ erlebt eine neue Blütezeit, „Stahlnetz“ erntet nicht nur Kritikerlob sondern auch hohe Einschaltquoten, die Klassiker sind wieder „in“ und laufen der qualitätsarmen Medien-Massenware den Rang ab.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich in der Musikszene konstatieren. Wurde bis vor kurzem noch jeder Hupfdohle mit Idealmaßen ein Mikro zum Vollplayback in die Hand gedrückt und um möglichst viel nackte Haut ein computeranimiertes Video produziert, hat sich das VIVA- und MTV-Bild in den letzten Monaten spürbar verwandelt. Plötzlich haben Gitarrenbands wie die „Nickelbacks“ oder „Phantom Planets“ dieser Welt wieder einen festen Platz neben hinlänglich bekannten Boy- und Girlgroups. Da tanzt im jüngsten Video die „Kelly Familly“ nicht mehr bunt berockt und leicht beschwingt zu leicht verdaulicher Musikkost über die farbenfrohe Bühne, sondern hastet in beängstigenden schwarz-weiß-Bildern und zu aggressiven Klängen durch dunkle U-Bahn-Schächte. Und wenn es eines weiteren Belegs bedarf, dann gibt es schließlich noch die Pet Shop-Boys. Nach rund 20 Jahren rein elektronischer Musik, zahlreichen skurrilen Verkleidungen und noch mehr Hits greifen die Protagonisten künstlicher Klänge und auffälliger Verpackungen plötzlich zu Gitarre und anderen „echten“ Instrumenten und präsentieren sich dem staunenden Publikum völlig ungeschminkt und natürlich. Zufall? Wohl kaum. Das Ende der Spaßgesellschaft ist eingeläutet. Die Trend-Scouts der Medien haben dies längst erkannt und werden mit ihrer Arbeit die Entwicklung zügig vorantreiben.

Spaß „Ja“, aber bitte mit Substanz

Bleibt die Frage: Welche Auswirkungen wird die gesellschaftliche Umorientierung auf das gastronomische Gewerbe haben?

Da bekanntlich jeder Wandel gleichermaßen Chancen und Risiken birgt, darf man weder schwarz noch rosa sehen. Gleichwohl gilt es, aufmerksam neue Strömungen zu verfolgen, sie aufzugreifen und in bestehende oder neue gastronomische Konzepte zu integrieren. Spaß und Erlebnis werden auch künftig gefragt sein. Das war schon immer so und wird sich auch nicht grundlegend ändern. Ausschlaggebend wird jedoch die Qualität des Vergnügens, seine Substanz sein. Inhalte werden wichtiger, Verpackungen das Gegenteil.

Qualität heißt das Stichwort – und das über alle gastronomischen Bereiche hinweg. Gäste, die bisher mehr oder weniger unkritisch  und zu jedem Preis konsumiert haben, was man ihnen vorgesetzt hat, befinden sich auf dem Rückzug. Unterstützt und bestätigt von einer öffentlichen Meinung, die seit der Euroumstellung im Gastgewerbe die Preistreiber der Nation sieht. Ansprüche werden steigen, die Ausgabebereitschaft wird sinken. Das Geld wird künftig nicht mehr so locker sitzen, vor allem dann nicht, wenn Preis und Leistung einfach nicht zusammenpassen wollen. Weniger Spaßgesellschaft im konsumorientierten Sinne bedeutet weniger Investitionsbereitschaft in Getränke, Speisen und Events. So verzeichneten beispielsweise die beiden großen Open-Air-Veranstaltungen „Rock-am-Ring“ und „Rock im Park“ am diesjährigen Pfingstwochenende trotz festival-tauglichen Wetterberichten einen spürbaren Zuschauerrückgang gegenüber 2001. Zwischen 10 und 20 Prozent weniger Besucher sind kein Beweis, aber ein durchaus ernstzunehmendes Signal. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die musikalische Substanz der Parallel-Veranstaltungen bestimmt nicht schlechter als im Vorjahr war.

Qualität zu vernünftigen Preisen

Vorrangiges Ziel erfolgreicher Gastronomen muss es also künftig sein, ein Höchstmaß an Qualität zu akzeptablen Preisen zu offerieren. Der zunehmend kritischere Gast will überzeugt werden, will Leistung für sein Geld, will betreut werden. Entsprechend wird auch das Gastronomiemarketing an Bedeutung gewinnen. Im härter werdenden Wettbewerb wird die Kommunikation mit dem (potentiellen) Gast ein entscheidender Erfolgsfaktor sein. Schließlich ist professionelle Informationspolitik nicht nur ein Qualitätsfaktor an sich, sondern sie bietet auch die Möglichkeit, Qualität zu kommunizieren.

„Die Zukunft erfolgreicher Gastronomie wird in einer gesunden Mischung aus hoher Qualität, vernünftiger Preispolitik und professioneller Kommunikation liegen“, so Jörg van Alen von der Düsseldorfer Beratungsagentur DIE GASTRONAUTEN (www.die-gastronauten.de). Dass darüber Erlebnis-, Spaß- und Innovationskomponenten nicht verloren  gehen dürfen, versteht sich von alleine. Wer dies erkennt und umsetzt, wird zu den Gewinnern des Wandels zählen. Alle anderen sehen schweren Zeiten entgegen.

Weitere Informationen:
 

DIE GASTRONAUTEN
Jürgen Friedmann und Jörg van Alen
Steinkaul 10
40589 Düsseldorf
tel.: 0211/9095-201
fax: 0211/9095-209
e-Mail: info@die-gastronauten.de
 
aktualisiert am 23. Mai 2002