Titel: Gasthausbrauerei - Wachstumsbranche? Einige Anregungen für Vielfalt und mehr Wachstum
Autor: Lars Seyfrid (Vorsitzender Verbraucherinitiative Kampagne für gutes Bier e.V. – www.kgbier.de)
Datum: 17.7.2006


Die deutsche Gasthausbrauerei hat in den letzten Jahren, bzw. Jahrzehnten eine Renaissance erlebt. Inspiriert durch den kometenhaften Aufstieg der Kleinbrauerei in den U.S.A. haben sich auch wieder in Deutschland eine Reihe von Klein- und Gasthausbrauereien etablieren können, die mit Charaktereigenschaften, wie Regionalität, kurze Vertriebswege, handwerkliche Herstellung und kompromisslose Frische ein bewusstes Gegengewicht zu Großbrauereien setzen. In den U.S.A. wurde diese Entwicklung durch eine Art „Lobbyarbeit“ der Importbiere, die schon immer vom Image des „anderen“ lebten und durch die Aufhebung von Prohibitionsüberbleibseln aus den Gesetzestexten vieler U.S. Bundesstaaten gefördert. Die Anzahl der so neu entstandenen Brauereien in den U.S.A. lag bereits Mitte der 90er Jahre bei über 2.000.
Hierzulande kann man nicht gerade von einem Boom sprechen, denn die neu entstandenen Kleinbrauereien haben lediglich geholfen die Anzahl der Brauereien in Deutschland konstant bei guten 1.200 zu halten.
Was hemmt diese durchaus gute Idee in Deutschland? Genug Bier wird hier konsumiert, sodass selbst in einem Verdrängungswettbewerb neue kleine Brauereien gute Chancen hätten. Zudem fördert das Biersteuergesetz kleine Brauereien, in dem immer noch üppige Abschläge für kleine Brauereien deren Arbeit unterstützen. Zudem ist das Preisniveau für Getränke in der Gastronomie in Deutschland hoch, was eine Einführung einer Gasthausbrauerei durchaus fördern sollte.
In Gesprächen mit Gasthausbrauereien scheinen die Ansprüche an eine sehr professionelle Brauanlage ein Grund zu sein, dass die Etablierung einer neuen Gasthausbrauerei mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden ist, was sich nur bei einer entsprechenden Betriebsgröße, bzw. einer verlässlichen Auslastung ausgleichen lässt.
Ein anderes Manko ist die homogene Interpretation einer Gasthausbrauerei, die wohl immer sehr traditionell sein muß. Einhergehend mit dieser Interpretation werden auch bevorzugt historische Gebäude als Standort gewählt, wo die Auflagen an die Erhaltung des Gebäudes sich als erheblich Nebenkosten niederschlagen.
Hier eine Liste von Anregungen, um Gasthaus- und Kleinbrauereien in Deutschland breiter etablieren zu können:
  1. Es gibt in Deutschland ein recht gutes Angebot von Brauanlagen in vielen Größen und Ausstattungsmöglichkeiten. Eine nicht so hochentwickelte Anlage unterstützt den Charakter eines wirklich handwerklichen Produkts und ist erheblich günstiger
  2. Gasthausbrauereien müssen weder ein traditionelles Image haben, noch in historischen Gebäuden sein
  3. Einhergehend mit einer Verbreiterung des Images einer Kleinbrauerei sollte man sich so breit wie möglich überlegen, in welches Umfeld man sein eigengebrautes Bier einfügt. Eine Berliner Gasthausbrauerei bietet z.B. japanische Speisen an. In San Francisco braut eine Gasthausbrauerei für eine Kette von Restaurants in Japan. Bier passt auch gut zu gehobener Küche, bzw. zu einem gehobenen Ambiente - eine Brauanlage passt faktisch in jedes Ambiente
  4. Kleine Brauereien können flexibler sein und haben eine engere Beziehung zu deren Region. Neue Biere können relativ problemlos neu kreiert werden und auf die Bedürfnisse der regionalen Kunden abgestimmt werden. Wichtig hierbei ist zwingend ein erkennbar anderes Produkt als der Mitbewerber anzubieten
  5. Nutzen Sie die Macht der Regionaltypizität: Wenn Schwarzbier typisch ist für Ihre Region, dann versuchen Sie sich mit dieser Sorte eng auseinander zu setzen und ein Bier zu brauen, dass in Qualität und Typizität neue Maßstäbe setzt
  6. Fördern Sie den Gedanken der Kommunbrauerei, entweder in Form einer Gesellschaft oder einer Genossenschaft. Schließen Sie sich z.B. als eine Gruppe von Gastronomen zusammen und etablieren Sie eine kommunale Brauerei mit ihren originär eigenen Bieren. Wirklich einzigartige Produkte sind das beste Instrument der Kundenbindung. Tipp: Diese Aufgabe übernimmt am Anfang auch sicherlich gerne eine bereits existierende Brauerei. Ziel sollte allerdings ein eigener Standort sein.