Titel:
BIER ist der Trend - wie Biervielfalt gastronomische Vielfalt
unterstützt (mit Beispielen)
Autor:
Lars Seyfrid (Vorsitzender Verbraucherinitiative Kampagne
für gutes Bier e.V. – www.kgbier.de)
Datum:
17.7.2006
Deutschland wird so
stark wie kein anderes Land auf der Welt mit Bier
assoziiert. In vielerlei Hinsicht ist dies auch heute noch
gerechtfertigt, die beste Technik und die beste Ausbildung existiert
auch immer noch in Deutschland. Nur ist Bier als Getränk in
Deutschland in mehrfacher Sicht ein gesättigter Markt.
Großbrauereien kämpfen um Ihre Kapazitätsauslastung,
sowie um das beste Image, kleinere und mittlere Brauereien verschanzen
sich
hinter ihrer Traditionsfähigkeit. In dieser Polarisierung gehen
Produkteigenschaften, wie Reinheit, hochwertiges Herstellungsverfahren
und die Kultur der Kreativität faktisch unter.
Gastronomie ist
lebhaft, sie entsteht in der Auseinandersetzung mit
Kundenwünschen, Lifestyle-Entwicklungen, Anspruch an
kompromisslose Qualität und bereichert unser Leben permanent.
Brauerei-erwünschte Massenphänomene, wie Oktoberfest oder das
Gastronomiekonzept Pupasch sind entweder einmalig oder endlichen
Lebenskurven unterworfen, ansonsten gibt es kaum eine aktive
Auseinandersetzung, wie Bier in der Gastronomie eine aktive Rolle
spielen kann.
Bier ist das mit
Abstand vielfältigste Getränk, welches wir
in Deutschland zur Verfügung haben. Jeder weiß davon, viele
konsumieren es, aber keiner kennt es wirklich und damit mangelt es an
einem bewussten Angebot und einer bewussten Nachfrage.
Hier Beispiele
dafür wie Bier einen aktiven Teil in der
Gastronomie spielen kann, bzw. wie Biervielfalt gastronomische Vielfalt
unterstützt:
- Die regionale Dimension I:
Bier ist in Deutschland ein stark
regional geprägtes Produkt und lässt sich somit gut mit einer
Region assoziieren. Beispiele für die Umsetzung solcher
Assoziationen sind Gastronomiekonzepte, wie das Nürnberger
Bratwurstherzle und Die
Ständige Vertretung, die in passendem
Umfeld Biere aus der entsprechenden Region transportieren können.
Das Konzept Ständige Vertretung
schafft es sogar
zeitgenössisches Flair aus dem Rheinland zu transportieren.
Ansonsten besteht hier leicht die Gefahr, dass ein statisches
traditionelles Ambiente in diesen Gastronomien entsteht
- Die regionale Dimension II:
Offene Festivitäten, wie das
Oktoberfest oder Kirchweih sind in deren Heimatregionen feste
Institutionen. Wenn die Institution Oktoberfest z.B. in den Norden
Deutschlands transportiert wird, dann meistens aufgrund der Initiative
einer einzelnen Brauerei. Hier wäre es angebrachter, wenn die
jeweiligen Touristikverbände solche Festivitäten
organisieren, um mit einer Auswahl von Bieren, regionalen
Spezilialitäten aktive Werbung für deren Region betreiben
- Die regionale Dimension III:
Es ist nur natürlich eine
persönliche Bindung zu seiner Region zu haben. Eine
Gaststätte, die sich in einer bierkulturellen Umgebung befindet,
ist durchaus charakterstark, wenn es die Brauereien der Umgebung
unterstützt. Wichtig ist es,
dabei eine erkennbare Linie zu haben, z.B. Auswahl eines Bieres oder
einer Brauerei aus qualitativen Gründen, Rotation verschiedener
Biere, um Vielfalt zu beweisen, bzw. den Gästen Neuheiten zu
bieten und saisonale Spezialitäten zu fördern.
Überregionale Biere sind sinnvoll, um die Breite des qualitativen
Angebots zu fördern
- Die Gasthausbrauerei:
Gedacht als bewusstes Gegengewicht zu
überregional agierenden Großbrauereien wird hier ein
Ambiente der althergebrachten Institution des Brauens und Verkaufens
vorort wiederbelebt. Handwerk, Frische und Einzigartigkeit des Produkts
wird damit gefördert. Hinderlich für eine größere
Verbreitung von Gasthausbrauereien sind häufig die sehr hohen
Fixkosten der Brauanlage und die oft zu homogene Interpretation als
eine
historisch-traditionelle Institution
- Die Kleinbrauerei: Eine
Variante der Gasthausbrauerei kann auch
eine Brauerei mit einem sehr eingeschränkten Vertrieb an andere
Gaststätten sein. So praktizieren z.B. die Küstenbrauerei zu Werdum eine
kleine aber
feine Distribution, um sehr selektiv deren Biere an andere
Gaststätten weiterzuvertreiben. Hier ist maßgeblich, dass es
nur eine begrenzte Anzahl von „handverlesenen“ Gaststätten ist, um
die Einzigartigkeit aufrecht zu erhalten
- Art der Gastronomie und Auswahl
eines passenden Bieres: Für
faktisch jede Art der Gastronomie gibt es auch ein passendes Bier. So
ist es in den U.S.A. üblich zu Pizza ein malzbetontes
bernsteinfarbenes Bier zu trinken (z.B. Biersorte Festbier), zu einer
Sportgastronomie passen gut alkoholreduzierte Biere und
flaschenvergorene Weizenbiere, zu einem Café dunkle Biersorten,
wie z.B. Porter, Stout oder Schwarzbier, gehobene Gastronomie braucht
gehobene Biere, z.B. die sehr aperitif-geeigneten gutgehopften
belgischen Starkbiere. Weiterhin braucht die
Biergartengastronomie definitiv spritzige Typen, wie flaschenvergorene
Weizenbiere (Berliner Weisse, bayrisches Weißbier oder belgisches
Witbier, welches gerade wegen seiner Parfum-art eine interessante
Ergänzung sein könnte). Die Liste ließe sich unendlich
weiterführen. Einige Anregungen stellen die BIER-Publikationen von
M. Jackson oder auch spezialisierte Kochbücher zu Rezepten mit
Bier zur Verfügung. Wichtig ist immer eine bewusste
Auseinandersetzung mit der eigenen Art der Gastronomie und der
subsequenten Frage, welches Bier am besten zu mir passt
- Breites Angebot:
Bierbetonte Gastronomie kann sich am besten
darstellen, in dem man bewusst auf ein breites Angebot setzt. In
Belgien ist es nicht selten Cafés mit mehreren hundert Bieren zu
finden. Wie ist dies möglich? Mit einem konsequenten Bekenntnis zu
Flaschenbier. In Belgien ist dies einfach, da die Flaschengärung
einen hohen Stellenwert hat. In Deutschland ist faktisch niemandem
dieser qualitative Unterschied bewusst – selbst beim
Aushängeschild der
Flaschengärung, dem Schaumwein, nicht. Angebotsbreite bedingt eine
Reihe von bewussten Entscheidungen des Gastronoms: geschmackliche,
qualitative, regionale und preisliche Vielfalt, alles Aspekte, die in
der deutschen Gastronomie bei der Auswahl von Bieren stark
unterentwickelt sind. Wenn in einer
Hamburger Kneipe ein Aventinus und eine Schneider Weisse zum gleichen
Preis angeboten wird, wie soll der Gast lernen die Wertigkeit zu
unterscheiden?
Der
Zauberbegriff hier ist: bewusste Auseinandersetzung mit dem
Getränk Bier. Die Vielfalt ist riesig und die Möglichkeit
passende Biere für das gastronomische Konzept zu finden ebenso
riesig. Der Kauf von Fachliteratur, der Besuch von Messen und
Bierfestivitäten, wie z.B. dem Berliner Bierfestival, die
rheinländischen Bierbörsen oder auch der Besuch von
Biermessen in den europäischen Nachbarländern lohnt sich
immer.